Bosnienhilfe
Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit.
Hand aufs Herz: Wer erinnert sich noch daran? 1992 stand auf einmal Südosteuropa in Flammen. Vom heutigen Slowenien bis hin zum fernen Mazedonien, damals noch Teile des von Tito seinen Erben übergebenen Jugoslawien, kam es über den in Unerträgliche gesteigerte Vorherrschaftsanspruch der Serben zum Krieg. Bürger gegen Bürger, Serben gegen Kroaten, Kroaten gegen Serben, beide gegen muslimische Bosnier, gleich drei Kriege hintereinander, zuletzt zwischen Serbien und Kosovaren, Abspaltung nach und nach der Landesteile, immer mehr oder weniger blutig, mit KZ-ähnlichen Lagern, mit Massenmorden und Völkermord wie in Srebrenica, Vergewaltigungen als Kriegsmittel und "chirurgischen Schlägen" der Militärs gegen die anderen Volksgruppen. Ein Brandherd, der Westeuropa nicht unbeteiligt lassen konnte. Denn Deutschland war auf Seiten der Kroaten, Engländer und Frankreich unterstützten traditionell dagegen die serbische Sache. Das machte gewiss die Eindämmung der Konflikte unter Einbezug der Amerikaner und der UNO nicht leichter.
Lesen Sie hier die Pressemitteilung:
Die Europäische Gemeinschaft - ein unvollendetes Versöhnungsprojekt
- Zur Integration der Länder des ehemaligen Jugoslawien -
Kurze Übersicht der Tätigkeiten der humanitär-karitativen Organisation „St. Antoniusbrot“
Während sich mit Ausnahme des Kosovo nach und nach eine bis heute mehr oder minder tragfähige eigenstaatliche Lösung gefunden hat - die Erschütterungen durch die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo reichen bis in den jüngsten Konflikt in Georgien hinein -, sind die Bruchlinien des völkischen Zusammenlebens in Bosnien bis heute unverändert gegeben, ja gewissermaßen im Frieden von Dayton (1995) sogar durch das Prinzip der Rückkehr der völkischen Gruppen in ihre alte Heimat neu zementiert. Das fragile Gebilde faktisch zweier Staaten (die Bosnische Föderation und die Republika Srpska) unter einem nominellen Dach des bosnischen Staates ist bis heute das Ergebnis, und noch immer haben die nationalistisch orientierten Parteien die jeweilige Bevölkerungsgruppe auf ihrer Seite.
1. Die Idee der humanitären Unterstützung: der Beginn der Bosnienhilfe
In dieser Situation kam es auch dazu, dass wie damals viele Bürgerinitiativen die "Bosnienhilfe" als humanitäre Einrichtung der Deutschen Franziskanerprovinz ihren Anfang nahm. Als gemeinsame Aktion der Krefelder Apothekerin Doris Otto und des Franziskaners Bruder Peter Amendt ging es zu Beginn darum, Flüchtlingen und Vertriebenen zu Hilfe zu kommen und die allerschlimmste Not zu lindern: Lebensmittel, Medikamente, Verbandstoffe, alles wurde erbettelt und über die Franziskaner in Bosnien den Notleidenden zur Verfügung gestellt, wo immer man sie erreichen konnte: in Notlazaretten, in Zelten und Unterkünften, in Schulen und Krankeneinrichtungen.
Ab 1997 kam es auch in der "Serbischen Republik" (Republika Srpska) auf bosnischem Boden erst vereinzelt, dann mehr und mehr zur Rückkehr von Minderheiten unter dem Schutz der internationalen Truppen in ihre früheren, dem Boden gleich gemachten und oft noch verminten Dörfer.
2. Humanitäre Entminung und Notinstandsetzung: eine neue Qualität der Hilfe
Ein Schlüsselerlebnis war dabei die Rückkehr des franziskanischen Pfarrers zuerst nach Gornja, dann nach Donja Tramosnica in der Nähe der Sava. Die Gefahr der überall versteckten Minen, deren Opfer bekannt waren, führte dazu, das erste Projekt der sog. humanitären Entminung mit Hilfe einer deutschen Entminungsorganisation ("Help") vorzunehmen, was nur mit vielseitiger Unterstützung und vor allem mit Hilfe des Arbeitsstabes Humanitäre Hilfe des Auswärtigen Amtes möglich war.
Es folgten vielfältige Aktivitäten der weiteren Entminung und des Wiederaufbaus dieser Dörfer zuerst mit lokalen Partnern, später dann mit dem nationalen Partner der Franziskaner-Caritas in Bosnien, "Kruh svetog Ante" (Antoniusbrot), mit Sitz in Sarajevo. In einem festen Verbund der Hilfe kam es dann Jahr für Jahr zur sog. Notinstandsetzung zuerst im Raum Tramosnica und später an verschiedenen Stellen in Mittel- und Nordbosnien. Dabei war das Kooperationsschema immer gleich: Den Hauptanteil der Finanzierung stellte das Auswärtige Amt; die verantwortliche deutsche Organisation gegenüber unserem Staat für die Durchführung war die "Bosnienhilfe"; Durchführung vor Ort erfolgte in ihrem Auftrag durch das Antoniusbrot; und es gab eine feste materielle Unterstützung durch die unentgeltliche Bereitstellung von Baumaterialien und vor allem von Dachziegeln ab Fabriktor durch deutsche Firmen und Transport mit bosnischen LKWs.
Den rechtlichen Rahmen für die Finanzierung durch das Auswärtige Amt gab der multinational getragene "Stabilitätsfonds" für den Wiederaufbau Südosteuropas, an dem Deutschland beteiligt ist, der bis zum letzten Jahr in Kraft war. Veränderte Entminungsbedingungen überstiegen am Ende die Möglichkeiten der "Bosnienhilfe", so dass ihr Entminungsengagement 2004 zum Erliegen kam, während die beiden anderen Instrumente der Hilfe, die Notinstandsetzung zerstörter Häuser von Rückkehrern und die Winterhilfe für Notleidende, weitergegangen sind.
3. Blick zurück - und nach vorne.
Auf diese Weise wurden mehr als 1.000 LKWs an Hilfsgütern insbesondere durch den Einsatz von Frau Otto auf die Reise nach Bosnien geschickt, mehrere hundert Häuser gebaut und tausenden von Menschen eine neue Heimat gegeben. Zwar waren die Mittel des Auswärtigen Amtes in diesem Jahr besonders knapp - sie wurden jedes Jahr weiter verringert -, aber noch besteht Aussicht, dass auch in diesem Jahr wenigstens auf "kleiner Flamme" diese Hilfe weitergeht.
An Bitten um weitere Unterstützung fehlt es dabei nicht. Denn noch lange ist Bosnien nicht soweit, dass es aus eigener Kraft wieder seine Probleme bewältigt. Bis es soweit ist, müssen die Menschen wieder über die ethnischen Grenzen hinweg zueinander finden und füreinander Vertrauen haben. Mit anderen Worten: Es muss noch viel Gras über die ehemaligen Schützengräben und inneren Wunden im Leben der Menschen wachsen, ehe man von einem wirklich funktionsfähigen Staat sprechen kann, der auch wirtschaftlich die Rahmenbedingungen sichert, um zu Aufbau und Entwicklung einzuladen.
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