"Hunger von Menschen gemacht", Interview zur Lage in Ostafrika

Das Interview ist in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht.

http://www.fr-online.de/wirtschaft/-hunger-von-menschen-gemacht-/-/1472780/8732252/-/index.html

Agrarökonom Joachim von Braun über Nomaden und nachhaltige Bodennutzung

Ostafrika leidet unter der wohl schlimmsten Dürre und Hungersnot seit 60 Jahren. Das Zentrum für Entwicklungsforschung und das International Food Policy Research Institute haben eine Studie zu der Geo-Ressource Boden herausgegeben. Mit der Dürre in Ostafrika bekommt die Studie "The Economics of Desertification, Land Degradation and Drought", die sich mit der Ausbreitung von Wüsten, der Bodenverschlechterung und der Dürre beschäftigt, noch mehr Relevanz. Kurzfristig gehe es zwar jetzt vor allem darum, Menschenleben zu retten, sagt Agrarökonom Joachim von Braun. Doch müssten schon jetzt die Grundlagen für eine nachhaltige Bodennutzung gelegt werden.

Die Studie wurde vor zwei Wochen veröffentlicht, als die Hungerkatastrophe in Ostafrika bereits die Nachrichten beherrschte. Hat Sie diese Aktualität überrascht?

Die bedrohliche Lage in Ostafrika ist uns seit einigen Monaten bekannt, durch die Informationen der Frühwarnsysteme sowie Mitarbeiter in der Region. Die Ursachen dieser Hungersnot sind menschengemacht und nicht nur naturbedingt. Ich habe zum Thema Hunger in dieser Region schon in den 1980/90er Jahren gearbeitet und hatte gehofft, dass sich Hungersnöte in dem Ausmaß in diesem Jahrhundert eigentlich nicht wieder ereignen würden.

Worum geht es in der Studie?

Weltweit leben derzeit schon etwa 1,5 Milliarden Menschen auf degradiertem Land, also auf immer unproduktiver werdenden Böden. Rund 40 Prozent der Armen dieser Welt versuchen, dort ihr Auskommen zu finden. In manchen Ländern verursacht die verminderte Bodenfruchtbarkeit bereits rund zehn Prozent Verlust des Bruttosozialprodukts. Aber das Problem tritt nicht nur in trockenen, sondern auch in feuchten Gegenden auf, wo ein Großteil der Nahrungsmittel für die Welternährung produziert wird. Es ist also ein globales Problem. In der Studie haben wir nun das Ausmaß der Degradation von Böden erfasst sowie Handlungsrichtlinien für Lösungen aufgezeigt. Ziel ist es, mit der Studie den Weg zu einer Konvention für nachhaltige Bodennutzung zu weisen, die die Uno im nächsten Jahr auf der "Rio plus 20"-Tagung verabschieden sollte.

Wodurch wird Boden zerstört?

Bevölkerungszuwachs, Klimastress, die Übernutzung von Böden, der Anbau von Pflanzen zur Bioenergie-Produktion, die steigende Tierproduktion, Regenwaldrodung gehören zu den Faktoren. Dieser Prozess ist kein neues Phänomen, aber er hat sich in den letzten Jahren enorm beschleunigt. Die Dürre am Horn von Afrika führt uns jetzt in aller Schärfe vor Augen, dass die Ressource Boden stark gefährdet ist.

Haben einige dieser Gründe die Hungerskatastrophe mit verursacht?

Unsere Kartierungen weisen diese Region als besonders verletzlich aus. Besonders betroffen sind dort die Viehhalter, die Nomaden. Sie müssen bei Trockenheit ihre Vieherden in andere Gebiete treiben - aber diese Möglichkeit wurde ihnen durch die Expansion des Ackerbaus zunehmend genommen.

Sind die Nomaden zum Untergang verurteilt?

Die Weidewirtschaft ist in den Dürre- Gebieten eine - im Prinzip - sehr effiziente und nachhaltige Art der Bewirtschaftung. Pflügt man dort den Boden und baut Getreide an, geht die Bodenfruchtbarkeit schnell zurück. Für diese Regionen ist eine umfassende Landnutzungsstrategie nötig, die Nomaden brauchen Rechtssicherheit und Akzeptanz traditioneller Nutzungsrechte, sowie dürre-resistente Grasmischungen. Die Kleinbauern benötigen dürre-resistente, ertragreichere Sorten, Zugang zu Mineraldünger und Märkten.

Die Studie befasst sich mit der ökonomischen Bewertung der Bodenzerstörung, den Kosten und Vorteilen eines nachhaltigen Landmanagements. Warum ist das so wichtig?

Nur wenn die Kosten der Degradation bekannt sind, wird die Politik handeln. Wir haben uns in den letzten Jahren mit den Kosten des Klimawandels beschäftigt, dem Wert der biologischen Vielfalt und der Ressource Wasser. Dass auch die Bodenfruchtbarkeit ein sehr wichtiges, erhaltenswertes öffentliches Gut ist, wurde ausgeblendet. Mit dem Boden steht und fällt die Sicherung der Welternährung. Die Kosten nachhaltiger Bodenbewirtschaftung sind langfristig niedriger, als die Kosten sinkender Boden-Produktivität, die im Extrem Hungersnot mit verursacht.

Die Politiker wachen auf, die Forscher widmen sich dem Thema. Investoren scheinen einen Schritt weiter: Sie kaufen Land, um Profit zu erzielen.

Die Preise für landwirtschaftliches Land haben sich binnen fünf Jahren weltweit verdoppelt bis vervierfacht. Das zieht zum einen spekulative Land-Investoren an, die auf weitere Preissteigerungen wetten. Zum anderen gibt es die sogenannten Landgrabbing-Investitionen, wo ausländische Regierungen oder deren Agenturen Land in Asien oder Afrika akquirieren, um dort Agrarprodukte für sich zu produzieren - aber eben nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Pflanzen für die Biosprit-Produktion. Die hohen Bodenpreise machen diese Akquisition von Land zunehmend auch für lokale Eliten attraktiv zulasten der lokalen Bevölkerung. Schätzungsweise haben in Afrika in den letzten sechs Jahren bereits 50 Millionen Hektar so neue Besitzer bekommen.

Aber braucht die Landwirtschaft nicht mehr Investitionen?

Ja, aber die Staatengemeinschaft muss sich auf einen Verhaltenskodex einigen, auf Prinzipien für eine verantwortungsvolle Bewirtschaftung, für Landkauf und Investitionen. Er muss für nationale Regierungen wie Investoren gelten und seine Einhaltung einklagbar sein.

Was sollte dieser Kodex enthalten?

Im Wesentlichen vier Prinzipien: Die Ernährungssicherung des Landes, in dem produziert wird, muss höchste Priorität haben; Investoren dürfen Lebensmittel nicht an den Hungernden vorbei exportieren; die Rechtssicherheit soll auch für die lokale Bevölkerung gelten, sie muss vorab über die Investitionen informiert werden und dann daran partizipieren; nachhaltige Bewirtschaftungsweisen müssen garantiert sein. Die Verabschiedung einer solchen Übereinkunft ist auch ein Ziel unserer Studie.

Was ist sofort angesichts dieser Dürre zu tun?

Kurzfristig geht es darum, Menschenleben zu retten. Dazu muss die Hilfe auch in die Gebiete gebracht werden kann, zu denen die Al-Schabaab-Milizen den Zugang verweigern. Diese Blockade verletzt meines Erachtens das Menschenrecht auf Zugang zu Nahrung. Die Weltgemeinschaft sollte prüfen, ob dies nicht ein Grund für eine militärische Intervention ist. Und die Weltgemeinschaft muss schnellstens das nötige Geld aufbringen. Gleichzeitig müssen wir aber schon jetzt die Grundlagen für eine nachhaltige Bodennutzung und eine Steigerung der Agrarproduktion in diesen Gebieten legen.

Gibt es Erfahrungen, wie schnell sich Länder und Bevölkerung von einer Hungersnot erholen?

Die betroffenen Menschen, insbesondere die Kinder, erholen sich Zeit ihres Lebens nicht mehr von einem solchen Hungerschock, nicht physisch und nicht psychisch. Deswegen dürfen diese Hungersnöte auch nicht als vorübergehende Erscheinung eingestuft werden. Damit wird die Lebensbahn einer ganzen Generation zerstört. Das Interview führte: Martina Doering

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